Auf Hochtouren laufen
Hinterbichl (dav) – Wer auf Steigeisen durch den Firn stapft, weiß: Der Weg zum Gipfel beginnt ganz unten – genau genommen zuhause bei der Tourenplanung, sonst geht was schief.
Gerüstet mit Eisschrauben, Pickel, Seilen und mehr geht es in sattgrüner Auenlandatmosphäre hinauf. Sechs (bei manchen mehr, bei anderen deutlich weniger) leichte Rucksäcke stapfen – ein wildes Blütenmeer zu Füßen – über schmelzwasserüberspülte Pfade in die Höhe.
Weiter oben macht sich das Wetter der vergangenen Tage bemerkbar, eine schwere Decke von dutzenden Zentimetern Neuschnee liegt auf dem Weg. Ein Punkt, an dem einige – sagen sie selbst – auf privaten Touren umgedreht wären. Aber die Anstrengung wird belohnt: Am ersten Bergkamm (wir wissen jetzt, dass hier ein Durchschlupf auch Törl oder Joch heißt) reißt wie bestellt der Himmel auf und eine Szenerie wie aus Jurassic Park liegt dem Auge zu Füßen. Grün strahlende Berge recken sich in die Höhe, nicht ein einziges von Menschen gebautes Gebäude trifft den Blick.
Im folgenden Abstieg wird es spannend: Eine kleine Lawine rauscht – mit etwas Abstand von uns – ab. Eindrucksvoll, wie schnell das doch gehen kann. Nach einiger Kraxelei im Schnee schiebt sich nach einem langen Tag Hannahs Tageshighlight wie eine grüne aufgehende Sonne über den Horizont: Die Alpenvereinsfahne der Badener Hütte.

Steigeisen und Seilschaften
Am zweiten Tag wird es ernst: Erstmals Gletscher, mit Steigeisen an den Füßen. Zugegeben, unter den Metall bezahnten Schuhen liegt noch eine dicke Schneeschicht, aber das Gefühl ist da: Jetzt beginnen die Hochtouren! Erste Gehübungen auf dem Stahl unter unseren Sohlen, Anseilen im Achter, sichere Seildisziplin. Besonders hilfreich: Die Seilschaft eines (etwas zu selbstbewussten und selbsternannten) Bergführers, den wir am Abend vorher kennenlernen „durften“, zeigt, wie es nicht geht. Auch ein wertvoller Lernmoment.
Schritt für Schritt knirscht der Schnee, Höhenmeter schmelzen, erste Gletscherspalten tun sich auf. Die Landschaft ist überwältigend, vor allem, als am Nachmittag die Sonne durchbricht und Wolken lange Schatten über sanfte Schneehügel ziehen. Für Nina, der Höhepunkt des Tages.
Gipfelglück und Gletschertechnik
So lecker das Frühstück auf dem Defreggerhaus auch ist, so schnell ist es vorbei: Beginn um 6.00 Uhr, Abmarsch um 7.00 Uhr: An Tag drei geht’s im zügigen Tempo auf den Hohen Zaun. Oben angekommen erleben wir Cris Tageshighlight: Eine bombastische Aussicht und fünf Minuten Kaiserwetter. In der Ferne ziehen sich meterdicke Spalten wie klaffende Wunden über den Gletscher. Spätestens jetzt wird klar: Wer hier alleine unterwegs ist, schwebt dauernd in Lebensgefahr. Umso motivierender für das Nachmittagsprogramm: Spaltenbergung.
Kälte, Nebel und Orientierungskunst
Der vierte Tag begrüßt uns mit dichten Nebelschwaden – Sicht oft weniger als 50 Meter. Als Perlenkette aufgeknüpft geht’s für uns auf zum Grat. Die geplante Kletterei wird wegen Kälte abgebrochen, und Navigation im White Out ist uns Herausforderung genug. Wer hier kein GPS oder Karte und Kompass dabeihat, bekommt wirklich ernsthafte Schwierigkeiten.
Wieder sicher am Gletschereinstieg angekommen, klemmen wir Keile, finden Spalten für Friends, verbessern unsere Trittsicherheit. Beim Bremsen im Firn kommt dann auch Jonas auf seine Kosten („Da kann ich mitmachen und besonders viel Spaß haben.“).
Routine im Eis – und ein Rennen gegen Gewitter
Der fünfte Tag beginnt wie immer früh. Routine macht sich breit: 5.30 Uhr Zähneputzen, anziehen, Frühstück und Attacke: Rauf zum Gletscher, Steigeisen an, ab auf Eis und Schnee, Spaltenbergung verfeinern. Jonas und Gleitschirmfliegerin Nina merken aber, dass sich dunkle Wolken etwas schneller als gedacht nähern.
Ansage von Jonas: „Ich räume den Anker auf und will mich dann in sieben Minuten nur noch in die fertige Seilschaft einklippen müssen!“ Und tatsächlich – in Rekordzeit stehen alle bereit und sind 35 Minuten später wieder an der Hütte. Nach dem zügigen Rückzug folgt Theoriearbeit am Nachmittag – und Bettruhe um halb neun am Abend.
Großvenediger
3.20 Uhr, Weckerklingeln. Auf dem von Stirnlampen ausgeleuchteten Weg starten wir (zumindest für Marek) zum Highlight der Woche: Der Großvenediger. Starker Wind, Nebel, Spalten – der Aufstieg vermittelt Hochtouren-Feeling. Keine drei Stunden später geht die Viererseilschaft am Gipfel vor den Windböen in Deckung. Wir sind die erste Seilschaft vom Defreggerhaus, das den höchsten Punkt der Gegend an diesem Tag erreicht.
Zurück an der Hütte gegen 9:00 Uhr – der Tag ist noch lange nicht vorbei. Zweiter Aufstieg des Tages: Rauf auf den Hohen Zaun, aber in etwas neuer Besetzung. Danach: Abseilübungen, Kaffee, Skat und ein wohlverdienter Zirben-Schnaps mit dem Team der Hütte.
Abschied im Bergblumenmeer
Beim gemütlichen Abstieg am letzten Tag nimmt die Pflanzenpracht Meter für Meter zu. Murmeltiere laufen über den wieder von Bergblumen gerahmten Wanderweg. Viele von uns haben noch ein kleines Abschiedsgeschenk für das Team des Defreggerhauses – stets freundlich, hilfsbereit, mit Herz und Humor bei der Sache – auf dem Rücken. Wir bringen für sie Müll ins Tal, der sonst aufwändig mit dem Heli hätte abgeholt werden müssen.

