still die wälder und die berge

Still die Wälder und die Berge

Auf dem E6 von Ljubljana ans Mittelmeer: Mit dem Rucksack 200 unvergessliche Kilometer durch Slowenien.

Als wir im vergangenen Winter einen Bericht über den Ciglar-Wanderweg in Slowenien lasen, waren wir sofort angefixt. Denn es war sofort erkennbar, dass die Route jene alpinen Gebiete des Landes meidet, die vor lauter Tourismus viel von ihrem Charme verloren haben. Der Ciglar-Weg ist der slowenische Abschnitt des europäischen Fernwanderwegs E6, der von Finnland bis in der Türkei führt. Der (damals) jugoslawische Abschnitt wurde 1975 eröffnet. Zum 50-jährigen Jubiläum gab es im vergangenen Mai eine kleine Feier.

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Wir gingen vom 2. bis 12. Juni in zehn Etappen von der Hauptstadt Ljubljana nach Piran ans Mittelmeer, insgesamt etwas über 200 Kilometer. Null Regen, keine Mücken. Temperaturen tagsüber zwischen 20 und 28 Grad. In den Rucksäcken morgens rund 11 Kilogramm Fracht. Übernachtet haben wir in Hotels, in Ferienwohnungen und auf Campingplätzen.

Vor Start Ljubljana sind wir zwei Tage durch Ljubljana gestreift – vom Ambiente her viel österreichische Kaiserzeit, auch noch reichlich Jugoslawien und wenig wilder Balkan. Über der Altstadt thront die mächtige Burg, die auch über eine Standseilbahn erreichbar ist. Rund 285.000 Menschen leben hier, darunter viele Studierende. Die Hauptstadt und Slowenien überhaupt wirkten auf uns recht entspannt und wenig aufgeregt. Wir haben überlegt, ob dabei eine Rolle spielen könnte, dass Slowenien innerhalb der EU das Land mit geringster Spreizung der Einkommen und der Vermögen ist.

Stempel sammeln unterwegs

Samstag früh waren wir in Ljubljana angekommen, Montag früh starteten wir die Wanderung. Kaum waren wir zwei Stunden durch den Wald am Stadtrand marschiert, wurde es richtig still – und das blieb fast durchgehend so, bis wir die Küstenregion erreichten. Unterwegs gab es in unregelmäßiger Abfolge Stempel für ein vorab erworbenes Routenheft zum Fernwanderweg E6. Mal im Touristenbüro, mal in der Eckkneipe, häufig auch am Wegesrand in originellen Behältnissen.

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Die Landschaften, die wir durchwanderten, haben fast durchweg Mittelgebirgs-Charakter. Immer grün, immer wellig, oft hügelig, bisweilen richtig bergig, selten alpin anmutender Fels. Es ging häufig durch schattigen Mischwald und auch häufig durch blühende Wiesen. Mal waren die Wege breit und gut befestigt, mal waren es schmale oder sehr schmale Pfade. Die Route verlief vor dem Erreichen der Küste auf Höhen zwischen 300 und 1000 m über NN. Die Gegend ist dünn besiedelt, es gibt nur verstreut touristische Infrastrukturen und Gastronomie für die Kaffeepausen. Beim Wandern trafen wir oft stundenlang keine anderen Menschen.

Die traditionelle Küche lebt

Unverhofft kamen wir immer wieder an Orte, die das Gemüt so richtig erfreuen. Zum Beispiel die uralte kleine weiße Kirche mitten im Wald: Wir wollten gerade auf der Bank vor der umgebenden Wehrmauer unsere Butterbrote vernichten, als ein Gemeindearbeiter auftauchte und das Haupttor öffnet. Er ließ uns gerne die Anlage bestaunen, während er eine Sammlung von Gemälden sortierte, die dort Schulkinder im Rahmen eines Projektes angefertigt hatten.

Zwei Nächte verbrachten wir nach der dritten Etappe auf einem Glamping-Platz an einem kleinen Waldsee. Typisch: Dort um die Ecke gab es neben den allgegenwärtigen Pommes auch deftige traditionelle Hausmannskost, etwa einen leckeren Sauerkrauteintopf mit grober Wurst. Im Angebot häufig auch Gulasch und Braten – Fleisch ist in der slowenischen Küche eine zentrale Zutat, aber auch Vegetarier sind nicht zum Hungern verurteilt.

Bären wohnen in den Wäldern

In den Wäldern rund um den E6 hausen an die 1.500 Braunbären. Überall sind Skulpturen zu sehen, die die Tiere als touristische Attraktion hypen. Auf den Müllcontainern findet man ab und an Hinweise, den Abfall bitte so zu verstauen, dass die Bären bei nächtlichen Streifzügen keinen Zugriff haben. Die Ortsansässigen gehen mit dem Thema fast alle höchst entspannt um. Guides bieten Fototouren zu den Verstecken und Aufenthaltsplätzen der Tiere an – dass Bären Menschen attackieren, kommt sehr selten vor.

Mašun liegt 1045 Meter über NN – ein paar Häuser und der einzige Gasthof weit und breit in einem riesigen Wald. Für uns eine Schlüsselstelle am Ende der fünften Etappe: Dass Monate vorher die Reservierung dort geklappt hatte, machte die Route erst möglich. Hier stand, was eher selten war, auch Bärenfleisch auf der Speisekarte. Eine ansehnliche Sammlung von Kettensägen zierte die Front des Hotels. Der Abend dort oben war trotzdem magisch.

Dann das Mittelmeer in Sicht, auf dem Gipfel des Slavnik, 1028 Meter hoch: Ziemlich heftiger Anstieg, dafür ein fantastisches Panorama hinüber zur Küste um Triest und Koper. Am Fuß des Berges, neben unserer Unterkunft, der alte Bahnhof von Podgorje. Am historischen Kirchlein von Hrastovlje, gelegen auf einem idyllischen Hügel, treffen wir erstmals wieder auf touristischen Betrieb – aber nur kurz. Landschaftlich und kulturell ist die Szenerie allmählich und jetzt komplett ins Mediterrane gewechselt. Wir gehen durch Weinfelder und Olivenhaine, auch Pinien, Kiefern und Zypressen sind vielfach zu sehen.

Übernachten im Weinberg

Vor der letzten Wander-Etappe Übernachtung in Truške bei Glamping Green Istria. Geführt von Andre und Tijan: Die beiden Jungs sind ein Paar und man merkt ihnen die Freude an, für ihre Gäste da zu sein. Alles bio, alles regional, alles sorgfältig gestaltet. Das Anwesen liegt im Weinberg. In den winzigen Gästehäusern mit historischem Mobiliar lebten früher Marktfrauen, die regelmäßig zu Fuß die 22 Kilometer hinunter nach Triest gingen, um dort ihre Waren anzubieten.

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Autofrei und in sommerlicher Hitze geht es auf der letzten Etappe an der Küste entlang nach Piran – zunächst flach, später noch einmal durch Hügel. Nachdem der Endpunkt des Ciglar-Weges erreicht ist, gibt es nebenan im Kurhotel den letzten Stempel und angemessene Erfrischungen. Schließlich zwei Tage chillen in Piran – eine echte Perle. Zum Glück fehlt für Einkaufszentren und große Hotelbauten schlicht der Platz. Deshalb blieb das alte Dorf zumindest vom äußeren Bild her weitgehend unbehelligt von den Beglückungen der modernen Freizeitindustrie.

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Autoren und Fotos Angelika Neubeck & Ralf Schröder