Mehr als nur ein Klettertre.: Warum FLINTA*-Räume im Bergsport so wichtig sind
An einem Mittwochabend in der Tivoli Sports Kletterhalle in Aachen ist die Atmosphäre
spürbar anders. Es wird viel gelacht, sich wohlgefühlt und sich gegenseitig ermutigt.
Es wird viel gelacht, sich wohlgefühlt und sich gegenseitig ermutigt. Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Identitäten und Geschichten binden sich ihre Kletterschuhe zu, checken die Gurte und starten gemeinsam in den Abend. Seit dem 07.01.2026 gibt es hier den FLINTA* KlettertreM in Aachen. FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen. Der TreM richtet sich an alle, die im Klettersport oft weniger sichtbar sind oder sich Räume wünschen, in denen sie sich selbstverständlich willkommen fühlen können. Dazu zählen auch BIPOC (Schwarze, Indigene und People of Color) Personen, die im Berg- und Klettersport nach wie vor stark unterrepräsentiert sind.

Warum ein FLINTA* Klettertre.?
„Ich liebe das Klettern, aber manchmal wünsche ich mir einfach, klettern zu dürfen, ohne mich erklären oder beweisen zu müssen.“
Dieser Gedanke ist meiner Kletterpartnerin Sophia Abts und mir im Laufe der Zeit immer wieder begegnet, in Gesprächen mit anderen, aber auch in uns selbst. Aus unseren eigenen Erfahrungen und den vielen Geschichten, die an uns herangetragen wurden, wurde deutlich: Es braucht einen Raum, in dem genau das möglich ist. Aus diesem Bedürfnis heraus haben Sophia und ich uns für die Entstehung eines solchen Ortes eingesetzt und schließlich gemeinsam den FLINTA* KlettertreM ins Leben gerufen. Der Berg- und Klettersport gilt als oMen, naturverbunden und gemeinschaftlich. Gleichzeitig zeigen viele Erfahrungen, dass sich nicht alle Menschen dort gleichermaßen gesehen fühlen. Gerade wer nicht dem klassischen Bild von „Bergsportlerin“ entspricht – sei es aufgrund von Geschlecht, Körper, Hautfarbe oder queerer Identität – braucht oft mehr Mut, um sich Raum zu nehmen. Intersektionalität spielt dabei eine zentrale Rolle: Menschen machen nicht nur eine, sondern mehrere Erfahrungen gleichzeitig. Eine queere BIPOC Person erlebt den Klettersport anders als eine weiße cis Frau (cis bezeichnet Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt) und wieder anders als ein cis Mann. Der FLINTA KlettertreM möchte diesen unterschiedlichen Realitäten Raum geben, ohne sie zu bewerten oder zu vereinheitlichen.
Ein Beispiel aus dem Bergsport zeigt, wie sehr Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit zusammenhängen: Eine gute Freundin von mir ist erfahrene Alpinistin und hat viele Weiterbildungen in diesem Bereich gemacht. Trotzdem wird sie auf Hütten immer wieder gefragt, wo denn „ihr Bergführer“ sei. Solche Situationen machen deutlich, wie stark bestimmte Bilder noch wirken und wie wichtig Räume sind, in denen Kompetenz
nicht infrage gestellt wird.
Akutelle Erkenntnissen aus der Sportsoziologie zeigen, dass ungleiche Teilhabe im Sport weniger mit körperlichen Fähigkeiten zu tun hat als mit sozialen und psychischen Rahmenbedingungen. FLINTA* und BIPOC Menschen wagen sich in vielen Sportarten seltener an technisch anspruchsvolle Aufgaben oder brechen früher ab. Nicht aus mangelndem Können, sondern aus der Angst vor negativer Bewertung und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Studien beschreiben dieses Phänomen als eine erhöhte „Angst vor negativer Bewertung“, die insbesondere dann entsteht, wenn Menschen sich in einer Minderheitenposition erleben. Hinzu kommt, dass fehlende Repräsentation das Gefühl von Zugehörigkeit („sense of belonging“) schwächt und damit Selbstvertrauen und Motivation mindert.
Repräsentation scha.t Zugehörigkeit
Repräsentation ist kein Zusatz, sondern ein Schlüssel dafür, ob Menschen sich in einem Sport langfristig wiederfinden. Wenn auf Plakaten, in Filmen, Wettkämpfen oder auf Social Media überwiegend weiße, cis-männliche Körper als „stark“, „mutig“ oder „athletisch“ gezeigt werden, entsteht unbewusst ein Bild davon, wer hier dazugehört. Gerade FLINTA* und BIPOC Menschen erleben den Bergsport häufig als sehr
privilegierten Raum, geprägt von Zugangsvoraussetzungen, Kosten und fehlender Vielfalt. Der FLINTA* KlettertreM setzt hier bewusst einen Kontrapunkt, indem er Sichtbarkeit im Alltag schaMt: nicht durch perfekte Vorbilder, sondern durch echte Menschen.
Ein Raum zum Lernen, Ausprobieren und Ankommen
Der FLINTA* KlettertreM versteht sich als niedrigschwelliges Angebot. Nach Absprache gibt es Einweisungen, benötigtes Material kann umsonst ausgeliehen werden und auch finanzielle Hürden sollen niemanden vom Mitmachen abhalten. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen einen Zugang zum Klettersport zu ermöglichen, unabhängig von Vorerfahrung oder Hintergrund. Aktuell nehmen rund 15 Personen regelmäßig teil. Viele berichten von ähnlichen Erfahrungen. Was hier entsteht, ist mehr als Training: In einer Umgebung, in der weniger verglichen und bewertet wird, sinkt der innere Druck. Psychologische Studien zeigen, dass Menschen in Gruppen, in denen sie sich zugehörig fühlen, mutiger lernen und langfristig dabeibleiben.
Vielfalt im Klettersport
Der FLINTA* KlettertreM ist kein Gegenentwurf zum Klettersport, sondern Teil davon. Er zeigt, wie vielfältig dieser Sport sein kann, wenn unterschiedliche Perspektiven Platz haben. Hier geht es um Spaß, Bewegung, Gemeinschaft und darum, dass sich Menschen mit all ihren Facetten einbringen können. Dabei entstehen ganz nebenbei neue Vorbilder: nicht laut, nicht perfekt, sondern nahbar. Menschen, die zeigen, dass Stärke viele Gesichter hat.
Die Rolle von Vereinen wie dem DAV und der JDAV
Vereine tragen eine besondere Verantwortung, Zugänge zu schaMen und Vielfalt mitzudenken. Der FLINTA* KlettertreM zeigt, wie wirkungsvoll ergänzende Angebote sein können: niedrigschwellig, gemeinschaftlich und nah an den Bedürfnissen der Menschen. Solche Formate senden ein klares Signal: Klettersport ist für viele da und Vielfalt ist eine Bereicherung.
Fazit: Räume, die bleiben dürfen
Der FLINTA* KlettertreM ist kein Ersatz für gemischte Gruppen, sondern eine wertvolle Ergänzung. Ein Raum, in dem Menschen Vertrauen aufbauen, sich ausprobieren und gemeinsam wachsen können – unabhängig davon, wie sie aussehen, wen sie lieben oder welche Geschichte sie mitbringen. Der JDAV FLINTA* KlettertreM Aachen findet jeden Mittwoch von 19:15-21:00 Uhr in der Tivoli Sports statt. Jeden ersten Mittwoch im Monat bouldern wir in abwechselnder Location. Bei Interesse kannst du mir gerne schreiben: jil.essing@dav-aachen.de
Wir freuen uns auf dich!

Jil Viktoria Eßing
