Tramping New Zealand
Mühsam stapfen wir das steile schwarze Geröll hinauf. Irgendwann lichtet sich der Nebel, schemenhaft zeichnet sich eine Hütte ab. Plötzlich ist es klar und windstill. Erstmals offenbart sich der spitzkeglige Vulkan Taranaki. Wir schlagen unser Zelt auf einem Plateau unweit der Hütte auf. Die Sonne versinkt erst in den Wolken und dann im Meer. Zeit, in den Schlafsack zu kriechen …
Die Tour auf den Fanthams Peak im Westen der Nordinsel markiert das Ende unserer zweimonatigen Neuseeland-Reise. Zuvor sind wir bereits unzählige Kilometer auf diversen Pfaden der Süd- und Nordinsel getrampt (als Tramping bezeichnet man das Wandern in Neuseeland).
Auf der Südinsel locken uns zunächst die Neuseeländischen
Alpen. Hier thront der 3.724 Meter hohe Aoraki/Mount Cook und lädt dazu ein, aus diversen Perspektiven bestaunt zu werden. Einen Tag wandern wir zur Mueller Hut und weiter zum Mount Ollivier, wo wir einsam das letzte Licht des Tages aufsaugen. Am nächsten Morgen brechen wir zurück zum Camp auf und im Nachmittag geht es erneut hoch, diesmal zum Sefton Bivouac, einer kleinen leuchtend orangenen Schutzhütte am Fuße eines Gletschers. Den Weg dorthin teilen wir zunächst mit dem Touristenstrom auf dem Hooker Valley Track, bis ein kaum sichtbarer Pfeil auf den Stegen die Abzweigung markiert. Danach begegnen wir nur noch vereinzelt weiteren Wanderern. Am Morgen kraxeln wir noch ein Stückchen weiter bergauf am Gletscher entlang. Anmutig ragen die Berge in diesigem Licht aus dem Tal auf.
Ins Hinterland
Alpines Feeling macht sich nicht nur hier breit. Die Südinsel ist ein wahres Paradies für Wanderer jeder Art. Neben den gut gepflegten und besuchten Great Walks kommen auch diejenigen auf ihre Kosten, die Einsamkeit in der Natur suchen. Auf dem Gillespie Pass Circuit, den wir aufgrund des hohen Wasserstands des Makarora mit einer Fahrt im Jetboat beginnen, begegnen wir Fantails, kleinen Singvögeln mit aufgefächerten Schwanzfedern, die uns mit ihrer zutraulichen Art und ihren akrobatischen Flugmanövern begeistern. Ab und an treffen wir auf einen Neuseeländer namens Lachlan, der eigens für diese Tour aus Wellington angereist ist. Vollgepackt mit Unmengen an Proviant zeigt er sich spendierfreudig und gerät beim Anblick der Landschaft ins Schwärmen: „Not too shabby!“. Ein Highlight ist auch der optionale Abstecher zum Lake Crucible, einem türkisblauen Gebirgssee, der zum Baden und Verweilen einlädt.
Auf diesen entlegenen Pfaden empfiehlt es sich, Offline-Karten und ein Satellitenkommunikationsgerät mitzuführen, da es außerhalb von Ortschaften nahezu nirgends Telefonempfang gibt. Bei den Nationalparkverwaltungen können sog. PLBs (Personal Locator Beacons) gemietet werden, mit denen man zur Not ein Hilfesignal absetzen kann. Zudem sind die „Leave No Trace Principles“ zu beachten, daher sollte man u. a. auch einen kleinen Spaten oder eine Notfalltoilette mitführen.

Unser nächstes Ziel ist der Brewster Glacier. Direkt zu Beginn des Tracks müssen wir einen kleinen Fluss queren, danach geht es in stetem Anstieg durch einen Buchenwald. Ein wenig oberhalb der Baumgrenze erreichen wir die Brewster Hut, die das Ende der markierten Route darstellt. Beim Rasten lernen wir ein junges Paar aus Dänemark und eine Frau aus Estland kennen. Kurz entschlossen trampen wir gemeinsam weiter, was sich in Puncto Wegfindung, Gemeinschafts- und Sicherheitsgefühl als echter Bonus herausstellt. Schon auf dem Weg erhaschen wir Blicke auf den Gletscher am Fuße des Mt. Brewster. Nach 1.200 hm Aufstieg erreichen wir dann endlich unser Ziel. Die Kulisse ist überwältigend. Es ist wohl einer der schönsten Plätze, an denen wir je gecampt haben. Wir nutzen den restlichen Tag und den Morgen des nächsten Tages zur Erkundung und machen auf dem Rückweg noch einen Abstecher über eine unmarkierte Route zum Mount Armstrong, bevor wir die knapp 1.700 Meter ins Tal hinabsteigen.
Great Walks
Im Vorfeld der Reise haben wir uns bereits für die Hütten und Campingplätze auf dem Kepler Track angemeldet, einen von aktuell 11 Great Walks, den Premium-Wanderwegen, die vom Department of Conservation (DOC) verwaltet werden. Der Kepler Track führt durch die spektakuläre Landschaft des Fiordland National Park. Die Route verläuft über alpine Grate mit weiten Ausblicken, durch dichte Wälder und entlang von Seen und Flüssen. Die Infrastruktur ist gut ausgebaut und die DOC-Mitarbeiter geben interessante Informationen und Tipps. Am Abend vor der letzten Etappe begeben wir uns auf die Suche nach Kiwis, deren Rufe aus dem Unterholz klingen.
Die Great Walks sind grundsätzlich eine tolle Sache, setzen jedoch voraus, dass man bereits mehrere Monate im Voraus für fixe Daten die Hütten und Zeltplätze bucht, ohne die man den Track nicht machen kann. Nachdem wir bereits auf einigen abseitigeren Routen unterwegs waren, haben wir erkannt, dass es abseits der Great Walks unzählige lohnenswerte Routen gibt, die diesen in Nichts nachstehen. Im Gegenteil: Wenn man sich diese Routen zutraut, wird man mit einmaligen Landschaften belohnt, die man in aller Ruhe genießen kann.
So geht es ein paar Tage später auf den Gertrude Saddle. Die alpine Route, die durch ein steiles, offenes Tal hinauf zu einem Sattel mit spektakulärem Blick auf den Milford Sound führt, ist ganz nach unserem Geschmack. Der Weg verläuft größtenteils über glatten Fels, teils mit Drahtseilen gesichert, und erfordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit sowie gute Wetterbedingungen. Auf dem Sattel angekommen bemerken wir, dass man noch weiter hinaufsteigen kann. Nach einem Mittagssnack kraxeln wir an Eisfeldern vorbei hoch zum Barrier Knob, von wo aus der Fjord und die aufragenden Berge noch einen Tick beeindruckender wirken.

Inzwischen sind wir auf die Website eines neuseeländischen Fotografen gestoßen, dessen spektakuläre Aufnahmen auf seinen Backcountry-Wanderungen neue Inspiration bieten. So begeben wir uns auf unserer letzte Tour auf der Südinsel zum Mount Owen im Kahurangi National Park. Die Gegend, welche von einer eindrucksvollen, fremdartig wirkenden Karstlandschaft aus Marmor und Kalkstein geprägt ist, diente bereits als Kulisse für ein Tal bei Herr der Ringe, welches die Gefährten erreichen, nachdem sie durch Moria geflohen sind. Wir lassen es ruhig angehen und teilen die Tour auf drei Tage auf, von denen wir fast einen kompletten Tag auf dem Gipfelplateau verbringen, welches aufgrund der günstigen Wetterverhältnisse zum Entspannen und Erkunden einlädt.
Ab in den Norden
Auf der Nordinsel bleiben uns nur noch zwei Wochen, daher setzen wir uns einen klaren Fokus: Vulkane. Davon gibt es hier reichlich. Die vom Vulkanismus geprägten Landschaften unterscheiden sich stark von unseren bisherigen Eindrücken: Statt endloser Bergketten präsentieren sich einsame massive Giganten, die aus Mondlandschaften aufragen, flankiert von blauen und smaragdgrünen Seen und durchzogen von Dampfwolken.
Im Tongariro National Park, in dem sich mit dem Tongariro Alpine Crossing eine der bekanntesten und meist frequentierten Tageswanderungen weltweit befindet (trotzdem: absolute Empfehlung!) wandern wir zu und um die Tama Lakes, zwei Kraterseen zwischen den Vulkanen Ngauruhoe, dem „Schicksalsberg“ aus Herr der Ringe, und dem Ruapehu, der mit 2.797 Metern den höchsten Punkt der Nordinsel merkiert. Letzteren besteigen wir über einen steilen unmarkierten Geröllhang, an dessen Gipfel sich ein riesiger Krater auftut. Einfach faszinierend, aber nur für geübte Wanderer empfehlenswert. Fun Fact: der schwefeldurchzogene Kratersee konnte in den 50er Jahren nach dem Skifahren noch für ein entspannendes Bad genutzt werden.
Weiter westlich befindet sich mit dem Fanthams Peak, einem Nebengipfel des Mount Taranaki, das letzte Wanderziel unserer Reise. Diesen erreichen wir zunächst über knapp 2.000 Stufen, bis wir uns über vulkanisches Geröll gen Gipfel quälen. Der Wetterbericht verspricht für die Nacht klare Sicht und kaum Wind. Was wir nicht bedacht haben: Die isolierte Lage führt häufig dazu, dass die Winde vom Tasmanischen Meer aus ungehindert auf den Gipfel treffen und die Bedingungen schlagartig drastisch verschärfen. In der Nacht drücken Windböen das Zelt regelmäßig auf die Hälfte seiner Größe zusammen; im Morgengrauen entschließen wir uns kurzerhand, das Zelt schnell abzubauen und in die nahegelegene Syme Hut zu flüchten. Diese wurde gerade wegen der extremen Bedingungen mit Stahlseilen im Boden verankert, um den Windbedingungen in dieser Höhe standzuhalten. Nachdem wir uns in der Hütte aufgewärmt haben, geht es schließlich wieder hinab ins Tal.
Unsere Reise nach Neuseeland hat uns gezeigt, dass es für jedes Niveau abwechslungsreiche Wandermöglichkeiten gibt. Die Reise hat unseren Horizont erweitert, einmalige Erinnerungen beschert und eine Fülle an Wanderungen hinterlassen, die wir hoffentlich eines Tages noch verwirklichen können.
Buchtipps/Webseiten
Department of Conservation (neuseeländische Nationalparkbehörde)
Wanderführer Neuseeland (Rother)

Text: Andreas Jörissen
Fotos: Andreas Jörissen / Karoline Grefen
